Cohabitation

Masterarbeit WS 21/22 | Ludwig Albert Müller

Cohabitation ist ein kleinstmaßstäblicher Raum an der Küste der ostkanadischen Atlantikprovinz Nova Scotia. Die Arbeit ist eine Auseinandersetzung mit den Grundelementen der Architektur, welche unter dem Einfluss des Aufeinandertreffens von Natur und Architektur geprägt sind. Der Begriff Synanthropie bezeichnet die Anpassung einer Tier- oder Pflanzenart an den menschlichen Siedlungsbereich, sodass sie nicht auf Ergänzung ihrer Population von außen angewiesen ist. Das Projekt versucht das Gegenteil zu erreichen. 

Die Bauaufgabe ist Auslöser für das Aufeinandertreffen von zwei Realitäten. Das Aufeinandertreffen von Gegenbegriffe wie Natur und Kultur, Natur und Mensch, bzw. Natur und Architektur. Vergleicht man die Abläufe der zu vereinbarenden Realitäten, können beide als holistisch verstanden werden. Diese beiden Prozesse gilt es zu vereinbaren.
Natur gehört zu dem, was bleibt und sich nicht selbst vernichtet. Ganz anders steht es um die (Bau-)Kultur. Architektur verkörpert im Bauen und dessen Technologie, eine exakte Wissenschaft. Nichts ist dem Zufall überlassen, alles ist genauestens kalkuliert und präzise geplant (BIM). Im Gegensatz zum Bauen wird Natur mit dem wilden, dem unkontrollierten, der Unordnung und dem Zufall (Entropie) assoziiert. Das Projekt verkörpert eine Sprache, welche exakt diese Schnittstelle sichtbar macht und versucht die beiden Gegensätze zu verbinden. Also das Präzise und genauestens Kalkulierbare mit einer „zufälligen“ Formfindung, die sich an natürlichen Prozessen bedient. Dies verkörpern die raumbildende tragende Wandelemente aus Beton, welche vor Ort ihre Gestalt durch die natürliche Reaktion von Schnee und Meersalzwasser erhalten. So werden Wände zum Abbild von Natur, zugleich aber auch zu einem neuen Ort der Aneignung von Natur.

Natur diktiert Form und Gestalt. Die Stellung der tragenden Wände, die Form und Neigung des Dachs, sowie die Erscheinung des Kamins, folgt den natürlichen und lokalen Bedingungen. Vier vorgefunden Felsen bilden das Fundament. Deren Anordnung bestimmt die Grundform der auf den Felsen punktuell aufgeständerten Bodenplatte. Auf ihr werden, die vor Ort gegossenen tragende Elemente platziert. Die Ausfachung zwischen den tragenden Bauteilen geschieht durch vorgefertigte Holzständerelemente. Aufgrund der hoch konzentrierten Salzluft wird die hinterlüftete Holzständerkonstruktion mit einem organischen Harz bestrichen. Ein industriell gefertigtes Vlies bildet die Haftgrundlage für den Harzanstrich. Gefundene Fischernetze ersetzen das Vlies. So verwandelt sich das Fischernetz in ein erzählerisches konstruktives Ornament, welches vor Verwitterung schützt. Möchte man den Raum betreten, so tritt man der Eingangstür gegenüber, welche wie ein Bild an der Außenwand hängt. Ihre bearbeitete Oberfläche erinnert an eine spiegelnde Wasseroberfläche. Subjekt (Besucher) und Objekt (Tür) reflektieren sich und die darin verzerrte spiegelnde natürliche Umgebung gegenseitig. Der Türgriff ist ein von der Bauherrin gefundenes, vom Meer sanft geformtes Stück Schwemmholz, dessen Haptik den Türgriff prägt. Ein Gipsabdruck vom Stück Schwemmholz ermöglicht einen präzisen Aluminiumguss, welcher den Türgriff formt. Aluminium, ein Material, das die Leidenschaft und Profession des kürzlich verstorbenen Teil der Bauherrschaft verkörpert. Der Innenraum ist ein Raum ohne Oberflächen. Die Eindeckung (Dreischichtplatte) der dämmenden Holzständerkonstruktion wird durch die Gewinnung von gepressten Blueberries, blau gefasst. Eine Feuerstelle gliedert den Raum. Die Grundform der Feuerstelle ergibt sich aus den auf die Küste peitschende Winde, welche dem Kamin das aerodynamische Profil verleihen. Dieser Logik ordnet sich ebenfalls die Neigung und Form des Daches unter.
So ergibt sich eine subtile Dynamik aus einer Akkumulation von Bauteilen. Diese bestimmen die Konzeption und Raumerfahrung, welche das Bauen an diesem Ort legitimiert. Der Architekt agiert als umgekehrter Synanthrop.

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