| Content: | Im Studio CH-6500 richten wir unsere Aufmerksamkeit auf das Thema der Wiederverwendung. In den kommenden Jahrzehnten werden zahlreiche Infrastrukturbauten, die während des Wirtschaftsaufschwungs der Nachkriegszeit errichtet wurden das Ende ihres Lebenszyklus erreichen. Die meisten von ihnen dienten dem motorisierten Individualverkehr, wurden in Stahlbeton oder Spannbeton ausgeführt und mit einer gewissen Gleichgültigkeit gegenüber ihrer Umgebung entworfen. Vielleicht lässt sich diese Ansammlung anachronistischer Objekte und Praktiken nicht als Belastung, sondern als Chance verstehen: als ruinöse Spielwiese aufgegebener Temporalitäten, die Raum für eine andere Art von Architektur schafft –unvollständig und offen.
Unser Standort wird Bellinzona im Tessin sein, wo wir Gebäude finden werden, die uns als Inspirationsquelle dienen. Gegen Ende der oben genannten Epoche entstand als Reaktion auf den Bauboom eine architektonische Bewegung. Ihre Spuren lassen sich im Gebiet rund um Bellinzona entdecken. Ihre herausragendsten Werke zeichnen sich durch eine Haltung aus, die Akzeptanz und Kritik miteinander verbindet – gegenüber den territorialen Bedingungen der Suburbanisierung, gegenüber der industrialisierten Produktion, gegenüber der Geschichte der Architektur und vor allem gegenüber den Grenzen und Potenzialen des architektonischen Projekts.
Indem wir unsere Projekte in der Nähe dieser Gebäude verorten, werden wir versuchen, Teil dieses Ensembles einer rigorosen architektonischen Ambition in einer nahezu unbestimmten Umgebung zu werden. Ihre Projekte suchen – ebenso wie unsere – nach einer Architektur, die Tragwerk, Typologie, Kontext, Territorium und Zeit miteinander verbindet. Ausgehend von einem Katalog struktureller Bauteile, die aus infrastrukturellen Bauwerken gewonnen werden, wollen wir konventionelle Entwurfsmethoden hinterfragen.
Anstatt einem linearen Entwurfsprozess zu folgen, beginnen wir mit dem, was bereits vorhanden ist: mit Konstruktionsfragmenten, die durch spezifische Abmessungen, Gewichte und statische Kapazitäten definiert sind. Diese vorgefundenen Bedingungen verstehen wir nicht als Einschränkungen, die es zu überwinden gilt, sondern als produktive Restriktionen, aus denen Architektur hervorgehen kann. In diesem Sinne versucht das Projekt, den Begriff von Zeit und Zeitlichkeit in der Architektur kritisch zu erweitern. Dabei bleibt der Blick auf die Besonderheiten des Territoriums und der architektonischen Form gerichtet und wird zugleich mit dem zeitgenössischen Imperativ der Wiederverwendung konfrontiert. Der Bauteilkatalog wird dabei sowohl zum Material als auch zur Referenz: Er trägt Spuren einer anderen Funktion, eines anderen Ortes und einer anderen Zeit in eine neue architektonische Ordnung. Wiederverwendung fungiert somit nicht allein als technische oder ökologische Strategie, sondern als ein Mittel, Transformation in das bestehende Territorium einzuschreiben. |